Caro Claire Burke - Yesteryear

 REZENSION


Eigenerwerb

Rezension zu Yesteryear

Auf Yesteryear habe ich mich unglaublich gefreut. Die Beschreibung ließ mich eine Geschichte erwarten, in der eine moderne Tradwife-Influencerin mit der Realität vergangener Zeiten konfrontiert wird und erkennen muss, wie hart und einschränkend das Leben damals tatsächlich war. Diese Geschichte habe ich allerdings nicht bekommen.

Das wäre für mich noch kein Problem gewesen. Bücher dürfen überraschen und andere Wege einschlagen. Leider konnte mich auch die Geschichte, die stattdessen erzählt wurde, nicht wirklich überzeugen.

Natalie wird zunächst als tief religiöse Frau eingeführt, die traditionelle Werte vertritt und scheinbar vollkommen in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter aufgeht. Durch Rückblenden lernen wir sie als junge Studentin kennen, die sich von ihren Altersgenossinnen entfremdet fühlt und deren moderne Lebensweise ablehnt. Ihre Beziehung zu Caleb entwickelt sich schnell, und zunächst hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte genau die Richtung einschlägt, die ich erwartet hatte.

Doch dann verändert sich das Bild von Natalie grundlegend. Plötzlich wird deutlich, dass sie weder ihre Ehe noch ihre Rolle als Mutter wirklich erfüllt. Sie scheint ihren Mann nicht besonders zu respektieren, hadert mit ihrem Leben und wirkt oft neidisch auf Frauen, die andere Wege gegangen sind.

Eigentlich fand ich diesen Ansatz sogar spannend. Die Idee einer Frau, die sich selbst einredet, glücklich zu sein, während sie ein Leben führt, das sie tief im Inneren gar nicht möchte, hätte großes Potenzial gehabt. Ebenso die Frage, wie gesellschaftliche und religiöse Prägungen Menschen dazu bringen können, Rollenbilder aufrechtzuerhalten, die sie selbst unglücklich machen.

Mein Problem war jedoch, dass das Buch für mich nie überzeugend erklären konnte, warum Natalie an diesem Leben festhält.

Sie erkennt immer wieder, dass sie unzufrieden ist. Sie erkennt, dass sie sich eigentlich etwas anderes gewünscht hätte. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch Caleb unter seiner Rolle leidet. Er scheint viel besser in einem fürsorglichen Beruf aufgehoben zu sein und hätte sich ein anderes Leben vorstellen können. Trotzdem halten beide an einem Lebensmodell fest, das offensichtlich keinen von ihnen glücklich macht.

Genau hier verlor mich die Geschichte. Das Buch scheint Natalie als tragische Figur darstellen zu wollen, für mich wirkte sie jedoch oft eher frustrierend als tragisch. Ich konnte ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sie die Probleme ihres Lebens erkennt, aber dennoch keinerlei glaubwürdigen Versuch unternimmt, etwas daran zu ändern. Stattdessen hält sie die Fassade aufrecht, bekommt weitere Kinder und bleibt in einem Leben gefangen, das sie selbst ablehnt.

Dadurch blieb für mich auch die emotionale Wirkung vieler Szenen aus. Eine tragische Figur muss nicht sympathisch sein, aber ich muss verstehen können, warum sie handelt, wie sie handelt. Genau dieses Verständnis hat mir bei Natalie gefehlt.

Auch die Handlung rund um die Vergangenheit konnte mich nicht vollständig überzeugen. Vieles wirkte auf mich unnötig verwirrend und teilweise schwer nachvollziehbar. Zwar werden viele Fragen am Ende aufgelöst, dennoch hatte ich oft das Gefühl, dass die Geschichte ihre eigenen Ideen komplizierter macht, als sie sein müssten. Besonders die Entwicklungen gegen Ende – sowohl bei Natalie als auch bei Caleb – fühlten sich für mich nicht verdient an, weil die Grundlage dafür zuvor nicht ausreichend aufgebaut wurde.

Das Frustrierende ist, dass ich die Themen des Buches eigentlich sehr interessant finde. Ein Roman über Selbsttäuschung, unerfüllte Lebensentwürfe, gesellschaftliche Erwartungen und die Frage, wie Männer und Frauen in Rollen gedrängt werden, die sie gar nicht wollen, hätte mich sofort begeistert. All diese Aspekte sind in Yesteryear vorhanden, bleiben für mich aber zu oberflächlich und werden nie konsequent genug verfolgt.

Am Ende blieb bei mir deshalb vor allem Verwirrung zurück. Ich sehe die guten Ideen und die spannenden Themen, die das Buch ansprechen möchte. Aber weder die Figuren noch die Handlung konnten mich davon überzeugen.

2,5 von 5 Sternen

Ein Buch mit interessanten Ansätzen und wichtigen Themen, das für mich sein Potenzial leider nicht ausschöpfen konnte.



Beliebte Posts aus diesem Blog

Takis Würger - Für Polina

Laura Purcell: Silent Companions

Kerstin Gier - Smaragdgrün