Nora Burgard-Arp und Marlene Borchardt - Essen und Essen lassen

 REZENSION


Rezensionsexemplar

Ich habe mein ganzes Leben lang Kommentare über mein Essverhalten bekommen – mal subtil, mal ganz direkt. Und ich habe das Gefühl, dass es mit dem Älterwerden eher mehr wird als weniger.
Das hat etwas mit mir gemacht. Schon immer. So sehr, dass ich heute oft ungern vor Menschen esse, die ich nicht wirklich gut kenne.

Vielleicht hat mich genau deshalb Essen und Essen lassen von Nora Burgard-Arp und Marlene Borchardt so berührt.

Das Buch setzt genau hier an: bei der ständigen Kommentierung von Essen – und dem, was sie in uns auslöst. Dabei bleibt es aber nicht bei individuellen Erfahrungen oder klassischen Krankheitsbildern wie Bulimie oder Anorexie. Stattdessen öffnet es den Blick für ein größeres Ganzes: für gesellschaftliche Strukturen, kulturelle Prägungen und politische Hintergründe. (Das Patriarchat lässt grüßen.)

Es geht um die Frage, warum wir überhaupt so über Essen sprechen, wie wir es tun. Warum wir glauben, uns Genuss verdienen zu müssen. Und wie tief Bewertungen über Essen eigentlich in unserem Denken verankert sind.

Besonders beschäftigt hat mich das Kapitel über die Verknüpfung von Essen und Persönlichkeit. Also diese oft unausgesprochenen Zuschreibungen: Was sagt meine Restaurantbestellung zum Beispiel über mich aus? Welche Schlüsse ziehen andere daraus?
Ich habe mich darin öfter wiedergefunden, als mir lieb war.

Darüber hinaus geht es um Druck, Gesundheit, Trends – und um Macht. Und genau das macht dieses Buch so besonders: Es verbindet persönliche Erfahrungen mit größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen, ohne dabei belehrend zu wirken.

Ich habe lange an diesem Buch gelesen, nicht weil es schwer verständlich war, sondern weil ich immer wieder innehalten musste. Weil es Gedanken angestoßen hat. Weil ich über mich selbst nachgedacht habe.

Essen und Essen lassen ist für mich mehr als ein Sachbuch. Es ist ein Buch, das Denkmuster sichtbar macht, Perspektiven verschiebt und auf eine leise Art auch etwas heilt.

Ich werde es definitiv nochmal lesen – weil ich glaube, dass es eines dieser Bücher ist, das man nicht nur einmal wirklich versteht.

Und ich wünsche mir, dass es viele Menschen lesen.
Damit wir vielleicht irgendwann lernen, anders über Essen zu sprechen – und Essen wieder einfach das sein darf, was es sein sollte: Freude.



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